Muss das sein? Ein Statement für weniger Geschichtsspiele

Geschichte in Computerspielen. Dieses Thema bewegt gerade wieder einmal die Gemüter (Oder zumindest meine persönliche Twitterbubble). Ein Anlass hierfür ist das bald erscheinende Aufbauspiel Anno 1800. Bei mir führt diese Diskussion dazu, dass ich mich wieder einmal frage: warum braucht es überhaupt historische Settings?

Geschichtshintergründe in Computerspielen sind fast so alt wie das Medium selbst. Ich selber bin mit Titeln wie Age of Empires oder der Anno Reihe groß geworden. Dabei schien es niemanden zu stören, dass die dunkelsten Seiten der dargestellten Epochen, wie die Sklaverei, nicht Teil des Spieles waren. Wenn heute also hitzig über das Fehlen von People of Color in Kingdom Come Deliverance, das mit dem Anspruch auf maximale Authentizität solche Diskussionen zugegebenermaßen herausgefordert hat, oder das Verschweigen der Sklaverei in Anno 1800 diskutiert wird, dann zeugt das von einem neuen, kritischen Geschichtsbewusstsein in der Computerspieleszene, das zu begrüßen ist.

Die Anno Teile 1602, 1503 und 1701 spielen in Zeiten in denen  weiße Entdecker schreckliche Kolonialverbrechen begangen haben. Praktischerweise sind die zu besiedelnden Inseln in diesen Spielen jedoch meist unbewohnt. Ermorden, ausbeuten oder versklaven der indigenen Bevölkerung gehört nicht zum Spiel. Auch Ressourcen wie Baumwolle werden auf Farmen produziert, die historisch korrekt wohl durch Sklavenarbeit bestellt worden wären, hier jedoch einfach vor sich hin produzieren. Der Mittelalterableger 1404 eröffnet zwar den arabischen Kulturraum als Handelspartner und wichtiges Element des Gameplays,  allerdings strotzt die Darstellung des Orients vor mehr und minder rassistischen Klischees. Die Kreuzzüge sind zwar thematisiert, allerdings als Tätigkeit des Antagonisten.

Anno 1404
Die verwerfliche Seite der Geschichte, personifiziert als Antagonist Kardinal Lucius.

Hier haben wir eine beliebte Darstellung negativ vorbelasteter Geschichtselemente. Wenn sie nicht verschwiegen werden, so stehen wir als Spielende meist auf der guten Seite der Geschichte, wie in einer Unzahl an Spielen, die im zweiten Weltkrieg zu verorten sind. Hier verlieren Geschichtsspiele ein Potential, das uns Spiele mit fiktivem Hintergrund bieten. Entscheidungsfreiheit, freie Charakterentwicklung, eine Welt die sich durch unsere Handlungen individuell verändert, all dies sind Elemente der persönlichen Freiheit und des Einflusses durch die Spielenden, die viele Spiele bereichern. Diese Freiheit können uns Geschichtsspiele nicht bieten. Entweder, weil ein historisch verbrieftes Ereignis geschehen muss und die Authentizität leidet wenn die Nazis den Krieg gewinnen, oder aber weil niemand die Gräueltaten der Geschichte selbst begehen will. Hier unterscheidet sich das interaktive Spiel vom Film. Wenn Protagonist_innen in Filmen Zivilbevölkerung abschlachten ist das abstoßend kann jedoch zur charakterlichen Vielschichtigkeit beitragen, wenn die Spielenden selbst  abschlachten sollen ist für die meisten die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Die Mehrheit will in Computerspielen auch keine Kriegsverbrechen nachspielen, weswegen es nur wenige Spiele gibt, die dieses Level an realistischer Kriegserfahrung propagieren. Historische Verbrechen deshalb auszusparen bedeutet jedoch, ein stark verzerrtes, weiß gewaschenes Abbild der Geschichte zu vermitteln.

Anno hatte mit den letzten beiden Teilen einen anderen Weg gewählt. 2070 und 2205 sind Zukunftsszenarien, in denen sich das Entwicklerstudio frei verwirklichen konnte. Zwar gehört gerade der letzte Teil nicht zu den beliebtesten der Serie, allerdings liegt das wohl eher am Spiel selbst, als an seinem Szenario. Trotzdem war die Freude vielerorts groß, dass der neue Teil wieder historisch wird, woran liegt dieser Wunsch nach Gesichtsdarstellung?

Ein Punkt ist sicherlich der gefühlte Realismus. Der Bezug zu einer historischen Epoche lässt ein Szenario realer erscheinen. Aber gerade diese behauptete Authentizität wird zum Problem wenn Spiele, oft entgegen ausdrücklicher Behauptungen, Geschichte verkürzt darstellen oder wichtige Elemente auslassen. Dann ist der Realismusgrad eben nur Trug und kann dem Geschichtsrevisionismus bedrohlich nahe kommen. Dass ein gutes Spielkonzept ohne historischen Hintergrund genauso gut funktioniert hat Creative Assembly mit dem erfolgreichen Warhammer Total War bewiesen. Auch ein Anno 1800 hätte genauso schön aussehen und die Herzen von Aufbaufans erwärmen können, wenn es in eine fiktive Steampunk Welt gesetzt worden wäre, statt in die Hochzeit des europäischen Imperialismus.

Sollte man historische Settings also in Zukunft lieber sein lassen?

Jain. Als rein schmückendes Beiwerk sollten sie der Vergangenheit angehören. Wenn sie jedoch verwendet werden, dann sollte die Beschäftigung mit der dargestellten Epoche ein zentrales Thema des Spieles sein. Dabei müssen auch Negativaspekte einen festen Bestandteil des Spiels bilden. Bei einem weniger kontroversen Thema hat Anno 2070 es gut vorgemacht, dem Umweltschutz. Dreckig produzieren ist billig, aber auf lange Sicht bekommt man Probleme mit den Umweltbedingungen. Abhilfe schaffen teurere, umweltschonende Produktionsstätten.

Anno 2070
Dreckige Produktionsstätten sind in Anno 2070 zwar billig, verschmutzen das Ökosystem jedoch schneller als umweltverträglichere Alternativen.

Der Dreck der Industrialisierung soll auch in Anno 1800 wieder eine Rolle spielen, genau wie die soziale Frage von Arbeiterrechten. Negativaspekte der Dargestellten Zeit spielen also durchaus eine Rolle. Nur dort, wo sie in den Bereich des Rassismus gehen, werden sie vorsichtshalber lieber weg gelassen. Angelehnt an das Verschmutzungssystem aus Anno 2070 könnten auch das Abschlachten indigener Bevölkerungsgruppen und die Sklaverei in Kollonialsettings einen kurzzeitigen Vorteil und darauf folgende Bestrafungen mit sich bringen. Wenn so etwas zu heikel erscheint,  spielerische Vorteile durch Sklaverei sind zurecht ein Problemthema, sollten Studios vielleicht einfach die Finger von solchen Szenarien lassen. Am Ende bekämen wir weniger historische Spiele, allerdings wären diese lehrreicher und es würde womöglich zu einem Genre spielerisch guter Lernspiele führen. Die anderen Spiele könnten sich in fiktiven Universen bewegen, in denen alles möglich ist, was in den Hintergrund geschrieben wird.

Anno 1800
Wenn die Arbeiter zu sehr ausgenutzt werden sollen in Anno 1800 soziale Unruhen und Streiks drohen.
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